Meditation: Herzstück chinesischer Medizin Chinesische Kräuter wichtiger als Akupunktur?
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Ulrich O. H. Frieling am 01.08.2000

Chinesische Medizin und die Wechseljahre

Im alten China haben die Menschen sehr viel Anstrengungen darauf verwandt, ein hohes Alter zu erreichen. Dahinter stand der Wunsch, durch eine lange Lebensspanne geistige Reife und letzlich spirituelle Erleuchtung zu erlangen. Dazu waren Übungen zur Aktivierung der Energien von Geist und Körper nötig, zum einen meditative Praktiken und zum anderen Techniken zur körperlichen Gesunderhaltung. Tai qi und Qi gong sind bekannte und sehr wirksame Beispiele aus dieser Tradition. Es handelt sich dabei um Übungen, die den Fluß der Energien stimulieren, Stagnationen verhindern bzw. aufbrechen. Diese Übungen nutzen jedem Menschentyp und jedem Bereich (Funktionskreis) im Menschen.

Mit zunehmendem Alter lässt speziell die Kraft des Funktionskreises Niere immer mehr nach und damit wird eine gute Verfügbarkeit der noch vorhandenen Nierenenergien immer wichtiger. Deshalb sind Menschen über 40 gut beraten, die Ratschläge der alten weisen Chinesen zu beherzigen, die auf eine Stützung und Aktivierung des Nieren qi abzielen. Insbesonders nützlich sind diese für Frauen, die in die Wechseljahre kommen. Der Funktionskreis Niere gewährleistet die Reproduktionsfähigkeit des Menschen, also auch die Gebärfähigkeit, die ja im Klimakterium verloren geht. Es findet ein sprunghaftes Nachlassen der Nierenenergie insbesonders auf der Yin-Seite statt, das oft für vorübergehende, manchmal jedoch für sehr langdauernde und quälende Anpassungsschwierigkeiten des ganzen Organismus sorgt. Die Chinesen betonen bei diesen klimakterischen Störungen den absoluten Mangel an Nieren-Yin-Energien. Wir Praktiker der chinesischen Medizin in Deutschland sehen hierzulande meist weniger einen absoluten Mangel als ein Defizit an Verfügbarkeit von Yin-Energien, d.h. einen Mangel an Bewegung und Dynamik in den Säften. Die Säfte bestehen zuvorderst aus Blut sowie aus den übrigen Körpersäften wie Lymphe, Zwischenzellflüssigkeit, Speichel und Schweiß. Stockungen im Fluß der Säfte führen zu Stausymptomen wie etwa dem schubweisen Schwitzen mit Hitzewallung oder zu Mangelsymptomen (die Leere nach dem Stau!) wie Schlafstörungen oder Taubheitsgefühle. Auch die gefürchtete Osteoporose, die Verdünnung der Knochenstruktur mit erhöhter Anfälligkeit für Knochenbrüche, ist ein derartiges Mangelsymptom.

Wir sehen, daß sich klimakterische Störungen meist mit einer reinen Aktivierung des Säfteflusses ohne substanzielle Yin-Stützung beseitigen lassen. Diese therapeutische Strategie lässt sich auch gut ohne Arzneimittel verfolgen. Eine Aktivierung des Energieflusses durch sanfte Arbeit mit dem Qi (=Qi Gong) kann hier sehr hilfreich sein. Die meisten Frauen brauchen darüber hinaus aber eine kräftigere körperliche Anstrengung, um die eigenen Säfte in Schwung zu bringen. Ich vergleiche dies immer mit einem Fluß mit Nebengewässern, toten Armen, die nur bei Hochwasser mal wieder richtig durchspült werden. So bringt eine körperliche Anstrengung auch stagnierende Säfte in der Peripherie in Bewegung. Schweiß, der dabei durch die Haut tritt, ist ein sicheres Zeichen, daß die Aktivierung der Säfte umfassend stattfindet. Wichtig ist es, jeden Tag einmal mindestens15-20 Minuten in Schwung zu kommen und das Schwitzen nicht den Hitzewallungen zu überlassen. Wer aber durch Sport, mehr als durch mangelndes Training verstehbar, erschöpft wird, sollte sich an seinen "chinesischen" Arzt wenden.

Neben regelmäßiger körperlicher Aktivierung ist es für jede Frau mit klimakterischen Beschwerden wichtig wie noch nie im Leben, sich gesund und schlackenarm zu ernähren. Zum einen lässt die Verringerung von Schlacken im Körper alle Energien besser fließen. Zum anderen ist eine gut funktionierende Mitte die Voraussetzung dafür, daß die Nierenenergien nicht unnötig verringert werden. Die alten chinesischen Schriften sagen, daß bei zu geringer Energieproduktion der Mitte der Mensch seine Reserven, die in der Niere gespeichert sind, angreift und dezimiert und damit letzlich seine Lebensspanne verringert. Es kommt also zuerst darauf an, seine Mitte, die Funktionskreise Milz und Magen zu pflegen. Erst dann spielen spezielle Nahrungsmittel, die die Nierenenergien stützen, eine Rolle. Dies kann an dieser Stelle (ich verweise auf mein Traktat zu unserer Ernährung aus chinesischer Sicht) nicht ausreichend abgehandelt werden, aber ich möchte ein spezielles Ernährungsproblem doch erwähnen. Von westlicher Seite wird eine ausreichende Calcium-Aufnahme zur Prävention der Osteoporose für sehr wichtig gehalten. Da ist sicher auch einiges dran. Wer hier nichts versäumen will, kann die empfohlenen Mengen auf natürliche Art und Weise nur mit viel Milch und Milchprodukten schaffen. Allerdings ist damit aus chinesischer Sicht eine erhebliche Feuchtigkeits- und Schleimbelastung (ich verweise hierzu auf meine Artikel "Schleim als krankhafter energetischer Faktor" sowie "Unsere Ernährung aus chinesischer Sicht") gegeben, die für die meisten Frauen mit klimakterischen Problemen ihre Säftebewegungsstörungen verschlimmern würde. Ein wesentlicher Grund der mangelnden Säftedynamik liegt nämlich gerade in der Belastung der gesunden Säfte mit Trübem und der daraus resultierenden Verschlackung und Verstopfung der Energiekanäle. Die meisten Frauen, die 1 Liter Milch pro Tag trinken, nehmen zwar viel Calcium zu sich, aber bringen es wohl kaum an den Ort, wo es gebraucht wird. Ein zweites Argument gegen soviel Milch- bzw. Milchprodukte besteht darin, daß damit viele abkühlend wirkende Dinge aufgenommen werden. Für Milz und Niere wäre es aber gerade wichtig, daß deren "Feuer"(Yang) mit wärmenden Nahrungsmitteln angemessen auf Betriebstemperatur gehalten wird. Beim Nachlassen dieser Wärme- und Kraftquelle fehlt die aktive Energie, die die Säfte bewegt und die sowohl für den Transport des Calciums wie auch den Einbau in den Knochen benötigt wird. Viele , die zwischen 35 und 45 das Gefühl entwickeln, ihre Ernährung gesünder gestalten zu müssen als bisher, stellen auf vegetarische Kost um. Dabei gibt es aber aus chinesischer Sicht Probleme, die im Klimakterium zu den Störungen beitragen können. Viel Rohkost kühlt das Yang ab. Dies gilt ebenso für Milch und Milchprodukte sowie Tofu. Wenn Fisch (die meisten Fischsorten und Krabben sind die stärksten Nieren-Yang stützenden Nahrungsmittel) auch wegfällt, fehlt eine ausreichende Unterstützung des Nieren- und Verdauungsfeuers. Das trifft besonders die säftereichen Frauen, die mehr oder weniger zu Übergewicht tendieren. Sie haben konstitutionell oder erworben ein zu schwaches Nieren-Yang.

Die dünnen oder gar mageren Frauen neigen eher dazu, tatsächlich einen absoluten Mangel an Nieren-Yin zu entwickeln, und das umso leichter, je mehr sie sich vegetarisch ernähren. Das Nieren-Yin wird nämlich am intensivsten durch tierische Produkte wie Innereien und Fleisch(mit Knochen) ernährt. Schwächer wirken pflanzliche Nahrungsmittel wie Walnüsse, schwarzer Sesam, Wasserkastanien,Süßkartoffeln, schwarze Sojabohnen und Linsen, d.h. also Nahrungsmittel, die man nicht gerade jeden Tag zu sich nimmt. Es entsteht mit vegetarischer Kost daher schnell eine Mangelversorgung des Nieren-Yins.

Wie soll sich eine Frau mit klimakterischen Störungen also ernähren? Der zum Übergewicht neigenden Frau ("Säftereicher Typ") kann ich zu einer ausreichend warm-wirkende Ernährung unter Vermeidung von feuchtigkeits- und schleimbildenden Nahrungsmitteln raten. Den von westlicher Seite genannten Calciumbedarf von .ca. 500 bis 1000mg täglich empfehle ich mit Brausetabletten oder anderen arzneilichen Zubereitungsformen von Calcium zu decken, insbesonders, wenn Osteoporose-Frühsymptome oder eine familiäre Belastung bestehen. Bei einer umfassenden und konsequent durchgeführten Gesundheits-Strategie gegen klimakterische Beschwerden braucht man m.E solche Krücken nicht, aber im Alltag geht so mancher gute Vorsatz verloren, so daß man durchaus auch Kompromisse schließen sollte.

Den dünnen Frauen (Yin-Mangel-Typ) empfehle ich ebenfalls eine ausreichend warm-wirkende Ernährung aber darüber hinaus den Verzehr von kleinen Mengen Lamm- oder Hammelfleisch, Hühnerfleisch sowie gelegentlich sogar kleine Mengen an Lammnieren und Hühnerleber. Sie profitieren auch von Milch und Milchprodukten. Wenn jemand an gesundes Schweinefleisch rankommt - auch dies stützt das Nieren-Yin. Für Vegetarier bleiben nur Walnüsse, Wasserkastanien, Süßkartoffeln (gibt es nur in Asia-Shops-in Wuppertal: am Hofkamp!), schwarze Sojabohnen und schwarzer Sesam (auch nur in Asia-Shops) als wichtigste Kräftigungsmittel für das Nieren-Yin. Undogmatische Vegetarier sollten sich besonders im Winter immer wieder mal eine chinesische Kraftbrühe gönnen, bei der man u.a. auch kleine Mengen Fleisch mit Knochen auskocht. Das Rezept wird im Anhang beschrieben. Hüten sollten sich alle Frauen im Klimakterium vor zu scharfem und stark salzigem Essen, welches das Nieren-Yin auszehrt bzw. auslaugt.

Zwei Möglichkeiten, durch energetische Übung und körperliches Training den energetischen Fluß, also auch den der Nierenenergien, zu verbessern habe ich schon kurz erwähnt: Zum einen Qi-Gong oder Tai-Qi als für jeden nützliche Möglichkeit, zum anderen regelmässige sportliche Betätigung besonders für "Säftereichen".

Zur speziell auf die Niere gerichteten Aktivierung stehen noch 3 einfache Methoden zur Verfügung, die jeder erlernen kann und die auch durchaus Männern, die in die Jahre kommen, empfohlen werden können.

Die erste besteht in der Massage des Quellpunktes der Nierenleitbahn unter dem Fuß. Man drückt in die Mitte der Kuhle hinter den Zehengrundgelenken mit dem Daumen fest hinein und führt dabei eine leicht im Uhrzeigersinn kreisende Bewegung aus. Diese Akupressur sollte schon 1-2 Minuten dauern (oder ruhig länger, bis der Daumen lahm wird). Beide Füße werden behandelt und zwar täglich, evt. auch morgens und abends.

Die zweite Methode besteht in einer Atemtechnik, die auch täglich, so oft man kann/mag, angewandt wird. Wenn man ohne Brustkorbbewegung nur in den Bauch ein- und ausatmet kann man dabei beobachten, daß sich der Unterleib bei der Einatmung vorwölbt und bei der Ausatmung einzieht. Die Einatmung kann mit einem Luftballon, der aufgeblasen wird, verglichen werden. Spontan nimmt man dabei meist nur die Vorderwand , d.h. die Bauchdecke wahr. Jetzt kommt es aber darauf an, sich auf die Hinterwand des Ballons zu konzentrieren, die dem Nierenlager entspricht. Es geht dabei um die konzentrative Lenkung des Atems in die Nierenregion. Damit wird der Niere Qi zugeführt. Diese Technik ist eine Sonderform des Qi-Gong, der Arbeit mit dem Qi. Auch in der Arzneimitteltherapie gilt der Grundsatz, daß man einen Funktionskreis immer über seine energetische Mutter stützen sollte. In diesem Fall ist das der Lungenfunktionskreis, dessen Aktivierung durch diese Atemtechnik das energetische Kind, die Niere, stärkt, und das um so mehr, als der Weg, den der Atem in dieser Übung nimmt, genau dieser Mutter-Kind-Regel entspricht. Da diese Atemübung auch zur Vorbeugung von Osteoporose empfohlen wird, nennt man sie auch "Knochenatmung". Es erscheint Ihnen vielleicht als zu geringfügige Einwirkung, um so etwas Handfestes wie die Knochen zu beeinflussen. Bedenken Sie aber: Wie bei allen energetischen Praktiken ist die Wirksamkeit an das tägliche Üben gebunden. Wenn Sie diese Atemform zu einer über Jahre praktizierten täglichen Übung machen, so bin ich überzeugt, daß Sie Ihren Knochen wirksam Gutes tun.

Die 3. Maßnahme zur Stützung des Nieren Qi besteht in der Erwärmung eines für die Niere zentral wichtigen Akupunkturpunktes, dem Punkt 4 auf dem Konzeptionsgefäß, der auf der Mittellinie 3 Daumenbreit unter dem Bauchnabel liegt. Ich empfehle die Erwärmung (Moxibustion) mittels einer Räucherstäbchen-ähnlichen Moxazigarre aus Beifußkraut. Dieses Verfahren muß am besten vom Akupunktur-Anwender demonstriert werden. Auch muß die Häufigkeit der Anwendung, die zwischen täglich und einmal in der Woche schwankt, je nach gesundheitlicher Problemlage und je nach Jahreszeit angepasst werden und dazu brauchen Sie die Beratung durch einen Experten.

Bei ausgeprägteren klimakterischen Störungen sollten Sie sowieso "Ihren chinesischen Arzt" aufsuchen. Die TCM hat einige Möglichkeiten, Ihnen zu helfen. Ein bekanntes Arzneimittel, daß z.B. auch in dem Buch von Gail Sheehy über die Wechseljahre genannt wird, ist die chinesische Engelswurz. Ein allgemeiner Gebrauch ist jedoch nicht ratsam, da für die hierzulande zahlreichen Patienten mit Schleimbelastungen eine solche Säfte stützende Therapie über kurz oder lang negative Folgen hätte. Hier kann man mit bewegenden und entschlackenden Behandlungsstrategien meist besser helfen. Das große Problem mit der von allen Gynäkologen dringend angeraten Hormontherapie ist ähnlich gelagert. Eine Hormontherapie hat einen stützenden Effekt auf die Säfte, der auf längere Sicht zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen kann. Als die Hormondosen zu Beginn dieser Behandlungsform noch recht hoch lagen, entstand nach einigen Jahren gehäuft Gebärmutterkrebs. Durch die angepassten Dosierungen findet sich bislang in den Statistiken nichts auffälliges. Wir naturheilkundlich arbeitenden Ärzte sind jedoch überzeugt, daß mit der Zeit doch noch negative Auswirkungen dieser großzügigen Hormonverabreichung auch statistisch erfasst werden können. Nur wenn es nicht gelingt, mit allgemeinen Maßnahmen und ggf. zusätzlicher Behandlung mit chinesischen Arzneimitteln die klimakterischen Beschwerden unter Kontrolle zu bringen, ist m.E. eine Hormontherapie vertretbar.