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Ulrich O. H. Frieling am 01.03.2007

Warum habe ich so einen Durst auf Kaltes - wo ich doch so erkältet bin?

Im Winter kommt es bei vielen Menschen immer wieder zu auffällig gegensätzlichen Symptomen, die für den TCM-Diagnostiker interessant sind. Vor einigen Tagen kam ein Patient und klagte über einen beginnenden Infekt der Luftwege mit Kältegefühlen und Frösteln - seit einigen Tagen andauernd. Gleichzeitig fiel ihm sein Heißhunger auf Scharfes und der Durst auf kalte Säfte auf. Schon etwas vorgebildet in chinesischer Diätetik verstand er die Welt nicht mehr. Er wollte sich zu Ingwer- und Fencheltee zwingen, aber das traf auf Widerstand.

Nun sind in solchen Situationen - fern von jeder "Süchtelei" - Durst und Appetit untrügliche Anzeiger von dem, was der Organismus gerade braucht. Das kann der Stimme der Vernunft deutlich widersprechen.

Bei genauer Überlegung können wir mit Hilfe der TCM - Denkweise das so deutlich artikulierte Bedürfnis des Organismus sehr wohl verstehen: Bei winterlichen Temperaturen entsteht bei vielen Menschen eine Abdichtung der Hautporen und damit der Körperoberfläche, oft begleitet von Frösteln. Dies umso mehr, wenn noch chronifizierte Reste von der letzten Erkältung übrig geblieben sind oder eine neue Erkältung anfliegt. Ein Indiz für die Neigung zum Verschluss der Oberfläche ist z. B. das Austrocken der Haut, das viele Menschen im Winter beobachten können. Das Lungen - Qi ist durch Mangel an Sonneneinstrahlung latent schwach und wenn dann noch Erkältungsreste hinzu kommen, so blockiert die Lungen - Qi - Funktion des Verteilens der Flüssigkeiten über die gesamte Körperoberfläche. Besonders leicht geschieht dies verständlicherweise an den der Kälte ausgesetzten Körperstellen und auch an den Unterschenkeln.

Eigentlich verhindert der Körper mit der Abschottung der äusseren Schale einen Wärmeverlust, was durchaus sinnvoll ist. Die Übersteigerung dieses Vorgangs durch frische oder chronifizierte Erkältungsenergien ist es aber, was uns hier interessiert: Damit wird nämlich Wärme innen eingeschlossen, was besonders störend ist, wenn innen übermässige Wärme, also Hitze, angesammelt worden ist. Wärme bzw. Hitze im Inneren, die sich nicht nach Aussen verteilen kann, staut sich an, es entsteht eine Hitzezusammenballung, die nach Kühlung verlangt. Die einfachste und schnellste Methode, innen zu kühlen, ist das Trinken kalter Flüssigkeiten. Lust auf Orangen oder Orangensaft - gerade im Winter - entspringt oft dem geschilderten Energie-Verteilungsproblem.

Der Appetit auf Scharfes öffnet nicht nur die Oberfläche, was zum Ausschwitzen des Infektes führen kann, sondern er stellt auch die Verbindung von Innen nach Aussen wieder her. Gleichzeitig sind viele der scharfen Gewürze (z. B. Pfeffer und getrockneter Ingwer (Curry!) - ausgesprochen erhitzend in ihrer Wirkung auf den Organismus. Dann mixt man sich sozusagen selbst ein polares Rezept aus Heiss und Kalt, was besonders Sinn macht, wenn der Unterkörper kälter ist und Oben mehr Hitzeempfindungen sind. Es gibt aber auch Scharfes, was weniger erhitzt aber dennoch stark schweisstreibt, also die Oberfläche öffnet (z. B. frischer Ingwer, Knoblauch, Meerrettich). Nicht umsonst sind alle zuletzt genannten Mittel beliebte Volksmedizin bei Erkältungen.

Tatsächlich werden in der TCM häufig - bezüglich der Temperatur - polare Rezepturen angewandt. Die Bedeutung des Themas sieht man auf den ersten Blick an den sogenannten 8 Leitkriterien, ein diagnostisches Raster von zentraler Bedeutung in der TCM. Sie bestehen aus 4 polaren Kriterien, nach denen Symptome eingeordnet werden:

  • Innen/Oberfläche
  • Heiss/Kalt
  • Zusammenballung/Schwäche
  • Yang/Yin
  • Nach diesen Ausführungen können Sie schon erahnen, dass die chinesische Diätlehre eng verzahnt ist mit der Arzneimittellehre und dass der grösste Fehler darin besteht, Ernährungsratschläge dogmatisch und starr zu gebrauchen. In vielen Fällen sind Durst und Appetit unsere zuverlässigsten Ratgeber! Darauf zu achten erzieht zu Flexibilität im Denken und ist ausgesprochen gesund!

    Wenn Sie mehr lesen wollen, folgen Sie diesem Link zu meinem älteren aber immer noch aktuellen Vortrag: Unsere Ernährung aus chinesischer Sicht!